Dürfen Sie das eigentlich?

Eine Leh­re­rin, eine „ech­te“ Leh­re­rin, ist unter den heu­ti­gen Besu­chern unse­rer Schu­le (der Grund­schu­le Har­mo­nie).

Sie sieht was sie sieht: Ein bun­tes Durch­ein­an­der von selbst ler­nen­den Kin­dern, Jahr­gangs und Klas­sen über­grei­fend, allei­ne oder in Grup­pen, auf dem Flur, in den Klas­sen, im Leh­rer­zim­mer oder wo sonst immer Platz oder Atmo­sphä­re herrscht. Ande­re Kin­der ler­nen mit einer Assistentin[1] oder mit Stu­den­tin­nen, die auch ein­zel­ne The­men anbie­ten, wie „Ernäh­rung“, „Wir bin­den Bücher aus unse­ren eige­nen Geschich­ten“ oder „Wir grün­den Betrie­be, um Waf­feln zu ver­kau­fen“. Eine ande­re Grup­pe arbei­tet mit einer Lehr­amts­an­wär­te­rin aus Lon­don, die bei uns für einen Monat einen Teil ihrer Aus­bil­dung absol­viert. Sie berei­ten für die nächs­te Woche eine Füh­rung durch die Schu­le auf Eng­lisch vor. Ande­re arbei­ten mit einer Mut­ter in der Dru­cke­rei, ein Vater kommt mit sei­ner Gitar­re zum Unter­richt, eine ande­re Mut­ter liest aus einem tür­ki­schen Buch vor. Leh­re­rin­nen arbei­ten mit ein­zel­nen Kin­dern oder mit Grup­pen, sie sieht sie Lern­ge­sprä­che füh­ren oder etwas ver­mit­teln. Eini­ge Kin­der gehen ein paar Meter bis zur nächs­ten Kir­che, weil der Jugend­re­fe­rent mit sei­ner Steu­er­grup­pe (Kin­der unse­rer Schu­le) einen Got­tes­dienst gestal­tet. …

Sie sieht was sie sieht, aber sie begreift nicht. Ihr Kopf kann das Gese­he­ne nicht an das bei ihr selbst Gesche­hen­de ankop­peln. Sie stellt also die übli­chen Fra­gen: „Wie behal­ten Sie den Über­blick?“,  „Wie ler­nen die denn alles?“, „Geben Sie Noten?“, „Wie schrei­ben Sie denn Klas­sen­ar­bei­ten?“. Manch­mal wäre ich froh eine sol­che „Leh­re­rin“ wür­de ein­mal offen fra­gen: „Dür­fen Sie das eigent­lich?“.” (von Wal­ter Hövel, Schul­lei­ter Grund­schu­le Har­mo­nie)

Den voll­stän­di­gen Arti­kel lesen: Die­se Leh­rer, jene Leh­rer von W. Hövel

Je län­ger ich in Schu­le arbei­te, umso kla­rer wird mir, dass es wirk­lich zwei Arten von Leh­rern gibt. Die einen sind Päd­ago­gen, die star­ke eigen­stän­di­ge Men­schen wol­len, die selbst und eigen­ver­ant­wort­lich ler­nen und Leben gestal­ten. Die ande­ren wol­len funk­tio­nie­ren­de Men­schen in Schu­le, Beruf und Gesell­schaft, die alles so machen wie es sein soll, und soviel Wis­sen und Fähig­kei­ten spei­chern, wie von ihnen ver­langt wird. ” (Wal­ter Hövel)

13 Antworten auf „Dürfen Sie das eigentlich?“

  1. Herr Rau, für Ihren edlen Anspruch in Ihrem Kom­men­tar haben Sie mei­ne vol­le Unter­stüt­zung. Trotz­dem kann ich Herrn Hövel ver­ste­hen. Er trifft seit Jah­ren wöchent­lich auf Kol­le­gi­en, die die Schu­le besu­chen. Da formt sich im Lau­fe der Zeit ein Bild über Leh­re­rin­nen und Leh­rern, das auch ich durch­aus nach­voll­zie­hen kann. Haben Sie das Bei­spiel in dem ver­link­ten Arti­kel gele­sen, an dem er die­ses Bild begrün­det? Es ist zudem auch nur eine Beschrei­bung und stellt kein Urteil über Leh­re­rin­nen und Leh­rer dar.

  2. Ja, den Arti­kel habe ich gele­sen. Und da ist schon was dran. Aber ich behal­te mei­ne Skep­sis, gera­de wenn ich sol­che Zwei­tei­lun­gen der Welt auf­ge­baut sehe.

  3. Ich emp­fin­de es schon so, dass Herr Hövel in sei­nem Arti­kel über die zwei­te Grup­pe Leh­rer, die sei­nem Kon­zept mit Skep­sis gegen­über­tre­ten, ein Urteil fällt. Allein schon das In-Anfüh­rungs­zei­chen-set­zen des Wor­tes Leh­rer zeigt doch, wie gering er die­se Kol­le­gen schätzt. Hin zu kommt der „net­te” Satz: „Das übels­te an ihnen ist ..”, was ja wohl deut­lich über eine Beschrei­bung hin­aus­geht.

  4. Flo­ri­an, ich blei­be bei dem von Hövel gewähl­ten Bei­spiel und fra­ge dich, was hat eine sol­che Leh­re­rin in der Schu­le zu suchen, wenn es ihr nicht gelingt, das Bedürf­nis des Jun­gen nach Ruhe und Lern­zeit zu erken­nen und ihm statt­des­sen sug­ge­riert, wie doof er doch sei? Die­se „Leh­re­rin” – auch ich set­ze sie in Anfüh­rungs­zei­chen – hat lei­der nicht kapiert, wie Ler­nen funk­tio­niert. Wir alle ken­nen sol­che oder ähn­li­che „Leh­re­rin­nen” und „Leh­rer” sei es aus per­sön­li­cher Betrof­fen­heit als Schü­ler, aus Erzäh­lun­gen oder viel­leicht gar aus dem Beruf. Da bezie­he ich auch ganz klar Stel­lung, gehe sogar noch wei­ter und sage, dass so jemand nicht in die Schu­le gehört! Denn das Schlim­me ist doch, dass sol­che „Leh­re­rin­nen” und „Leh­rer” oft genug kaum in der Lage sind, ihr eige­nes Ver­hal­ten zu reflek­tie­ren, was Hövel ja auch zum Aus­druck bringt. Eine der zen­tra­len Auf­ga­ben von Schu­le ist doch, Kin­der zum Ler­nen zu moti­vie­ren, oder? Die in dem Bei­spiel erwähn­te „Leh­re­rin” hat uns zumin­dest gezeigt, wie man ein Kind kaputt machen kann. Gegen­sei­ti­ge Wert­schät­zung ist das A und O, gemein­sam mit­ein­an­der Reden, das gelingt aber nur, wenn bei­de Sei­ten auf­ein­an­der zuge­hen und sich die eine Sei­te nicht als die wahr­nimmt, die alles bes­ser weiß! Hövel beklagt doch in sei­nem Bei­spiel, dass eben das aber nicht mög­lich gewe­sen sei mit die­ser „Leh­re­rin” und mit vie­len ande­ren soge­nann­ten „Leh­re­rin­nen” und „Leh­rern” auch nicht.

  5. Ich habe kürz­lich an dem Semi­nar „Das Zwi­schen­mensch­li­che im Schul­all­tag pro­fes­sio­nell gestal­ten” teil­ge­nom­men (sehr emp­feh­lens­wert!) in dem es dar­um unter ande­rem ging Bedürf­nis­se bei mir selbst und mei­nem Gegen­über wahr­zu­neh­men um so auf ein­an­der zu zuge­hen und in Bezie­hung zu tre­ten. Hier­durch kön­nen sich neue Wege eröff­nen und die eige­ne Arbeit – auch die der Kin­der – kann so mehr genos­sen wer­den. Ich glau­be, dass Kin­der ein gro­ßes Bedürf­nis nach Ler­nen haben, aber eben auch nach dem eige­nen Lern­weg im urei­gens­ten Tem­po. Wenn ich als Leh­re­rin dies per­ma­nent vor­ge­be, weil ich es mei­ne bes­ser zu wis­sen, ist Frus­tra­ti­on und Miss­er­folg vor­pro­gram­miert. Trau­en wir doch den Kin­dern etwas zu! Und die Grund­schu­le Har­mo­nie ist hier­für ein her­vor­ra­gen­des Bei­spiel!

  6. @Marek
    „Wir alle ken­nen sol­che Leh­rer” – aus Erzäh­lun­gen und per­sön­li­cher Betrof­fen­heit, rich­tig. Bei­des sind Quel­len, denen ich nicht beson­ders traue. Ich hal­te die Geschich­te von Hövel auch für anek­do­tisch über­trie­ben, wie ich es immer wie­der sehe. Mit sei­nem Anlie­gen gehe ich ganz kon­form – aber die Ver­mitt­lungs­art stört mich halt.

  7. @Marek
    Naja, ich fra­ge mich schon, wie man eine Lehr­kräft, die man viel­leicht seit 1 Stun­de kennt, der­art ver­ur­tei­len kann.
    Mir ist das ein­fach viel zu sehr schwarz-weiß-Male­rei. Men­schen auf­grund eines ers­ten Ein­drucks (und eine Hos­pi­ta­ti­on in Eitorf ist für vie­le Lehr­kräf­te mit Sicher­heit nicht ein­fach) jeg­li­che Pro­fes­si­on abzu­spre­chen kann auch nicht der rich­ti­ge Weg sein.

  8. Lie­be Kol­le­gen, ich ver­steh Herrn Hövel so, dass er aus Sicht der Kin­der / Schü­ler spricht und deren Par­tei ergreift. Wie oft behin­dern wir sie unnö­tig in ihrem Drang selbst­stän­dig zu ler­nen, zu ent­de­cken, selbst­ver­ges­sen sich einer Sache zu wid­men, weil wir unse­ren(!) Plan von Ler­nen in der Tasche haben? Mei­ne Rol­le als Leh­rer hin und wie­der selbst­kri­tisch zu hin­ter­fra­gen ist das eine, den Blick für die Schü­ler nicht ver­lie­ren das ande­re, was Pro­fes­sio­na­li­tät für mich aus­macht.

  9. Lie­be Emmi, dan­ke für dei­nen Kom­men­tar.

    Es gibt Leh­re­rin­nen und Leh­rer, die Kin­der ler­nen las­sen, ihnen kei­ne leh­rer­ge­steu­er­ten Lehr­plä­ne von oben ver­ord­nen, das Ler­nen mit den Kin­dern aus­han­deln etc. das, was eben sehr pro­mi­nent in der GS Har­mo­nie prak­ti­ziert wird, weil es in die­ser bedin­gungs­lo­sen Form tat­säch­lich(!) funk­tio­niert (sie­he För­der- und Schul­pro­gramm)

    Auf der ande­ren Sei­te gibt es die Leh­re­rin­nen und Leh­rer, die eben nicht der­art frei arbei­ten, Facet­ten davon über­neh­men, unter­schied­li­che For­men prak­ti­zie­ren oder im ungüns­tigs­ten Fall für die Kin­der kei­ner­lei Frei­hei­ten zulas­sen, sie bevor­mun­den. Im güns­tigs­ten Fal­le gibt es auf die­ser Sei­te Kol­le­gin­nen, die über ein hohes Maß an Selbst­re­fle­xi­on ver­fü­gen. Ich arbei­te auch nicht in der­ar­ti­ger Offen­heit, wie in Eitorf, obwohl ich bestimmt schon mit „mei­ner Offen­heit” bei man­chen Eltern ihre Gren­zen der Belast­bar­keit über­schrit­ten habe. Daher zäh­le auch ich mich eben zu der von Hövel erwähn­ten zwei­ten Grup­pe.

    Es gibt eben nur schwan­ger oder nicht schwan­ger, frei oder unfrei. Ein biss­chen schwan­ger wäre mir neu. Daher klingt der Ver­weis auf schil­lern­de Far­ben gut, er ver­blasst aber im von Hövel beklag­ten Kon­text bes­ten­falls zu einer blu­mi­gen Phra­se für das eige­ne Tun. Ich sehe statt­des­sen in Hövels Arti­kel aber einen Denk­an­stoß für mein eige­nes Han­deln und kei­nen per­sön­li­chen Angriff!! Das war auch der Grund, ihn hier zu ver­öf­fent­li­chen.

  10. Stimmt, ein biss­chen schwan­ger geht nicht 🙂 Den­noch den­ke ich, dass es durch­aus im Leh­rer­be­ruf die unter­schied­lichs­ten Facet­ten gibt – schwarz über bunt schil­lernd bis hin zu weiß. Jeder soll­te für sich sei­nen gang­ba­ren Weg fin­den und dabei unter allen Umstän­den die Kin­der und deren Bedürf­nis­se im Blick behal­ten.

  11. Marek, du weisst ja ich bin ein Fan von kla­ren Posi­tio­nen und allein die Men­ge der Kom­men­ta­re hier, im Gegen­satz zu dei­nen vie­len ande­ren Posts, zeigt doch, dass dies die Dis­kus­si­on viel mehr anregt. Von daher, mei­ne unge­teil­te Zustim­mung!

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