Erwartungen am Ende von Klasse 1

Die aktu­el­len Rah­men­plä­ne in Rhein­land-Pfalz stel­len nur noch die Zie­le und Erwar­tun­gen dar, die von den Schü­lern am Ende von Klas­se 4 erreicht wer­den sol­len. Aus­ge­hend davon habe ich mir für jedes Schul­jahr einen sog. „Erwar­tungs­ho­ri­zont” für Deutsch und Mathe­ma­tik erstellt. Die­se Erwar­tun­gen ver­schaf­fen mir einer­seits einen Über­blick dar­über, wie weit jedes Kind in sei­ner Ent­wick­lung ist und ande­rer­seits bie­ten sie mir Ori­en­tie­rung im schu­li­schen All­tag. Ganz wesent­lich ist dabei, dass ich vom Ende eines Schul­jah­res her den­ke. Für mich ist das ein zen­tra­ler Unter­schied zu dem, wie ich noch vor ein paar Jah­ren auf Unter­richt geblickt habe. Dadurch gelingt es mir eher, mei­nen Blick auf die wesent­li­chen inhalt­li­chen Aspek­te zu fokus­sie­ren und mich nicht im Klein und Klein des All­tags zu ver­lie­ren.

Wird jedes Kind jede einzelne Erwartung am Ende von Klasse 1 erfüllen (können)?

Es geht nicht dar­um, dass jede ein­zel­ne Erwar­tung im Detail erfüllt wird. Die Erwar­tun­gen ste­hen hier zwar gleich­wer­tig unter­ein­an­der, aber nicht alle sind gleich bedeu­tend für den lang­fris­ti­gen schu­li­schen Lern­er­folg! Man­ches darf eher ver­ges­sen wer­den als Ande­res. So ist zum Bei­spiel in Klas­se viel wich­ti­ger, dass ein Kind über ein gut ent­wi­ckel­tes pho­no­lo­gi­sches Bewusst­sein ver­fügt, als dass es auf Kos­ten die­ser basa­len Fähig­keit bereits alle Lern­wör­ter rich­tig schreibt!! Kin­der sind ver­schie­den und ler­nen unter­schied­lich schnell. Ohne das fach­li­che Hin­ter­grund­wis­sen (Auf wel­che Zie­le kommt es wirk­lich an?) mag man daher fehl­ge­lei­tet sein und alle Erwar­tun­gen im Sin­ne von „Alles ist gleich wich­tig!” inter­pre­tie­ren. Errei­chen am Ende des Schul­jah­res man­che Kin­der zu vie­le der Lern­zie­le nicht in dem gewünsch­ten Maße und ist auch eine Ver­bes­se­rung in abseh­ba­rer Zeit eher nicht zu erwar­ten, soll­te gemein­sam mit den Eltern über wei­te­re Maß­nah­men und Wege nach­ge­dacht.

Alle Erwar­tun­gen / Lern­zie­le müs­sen also immer im Kon­text zu den Mög­lich­kei­ten jedes ein­zel­nen Kin­des gese­hen wer­den. Das heißt:

Lern­ziel  ⇒  Bedeutung/Stellenwert des Lern­ziels + Leis­tungs­ver­mö­gen des Kin­des ⇒ Stimmt die Lern­ent­wick­lung des Kin­des?

Wie überprüfe ich die Erwartungen?

Von den Kern­fä­hig­kei­ten unten habe ich mir eine tabel­la­ri­sche Lis­te ange­legt (x-Ach­se: Schü­ler­na­men, y-Ach­se: Erwar­tun­gen), die ich regel­mä­ßig durch­ge­he. Im Rah­men von dia­gnos­ti­schen Tests, z.B. einem Über­for­de­rungs­test, stan­dar­di­sier­ten Tests und ande­ren Auf­ga­ben, d.h. der zwei­ten Säu­le des „Unter­richts bei mir”, sowie den vie­len täg­li­chen Beob­ach­tun­gen behal­te ich einen sehr guten Über­blick über den Leis­tungs­stand jedes ein­zel­nen Kin­des.

DEUTSCH

Rechtschreibung / Lesen

  • Tabel­le mit den Basis­gra­phe­men ken­nen (sie­he Lau­trich­tig lesen mit dem Basis­kon­zept)
  • Lau­te erken­nen und unter­schei­den
  • einen Laut einem Buch­sta­ben zuord­nen
  • Stel­lung eines Lau­tes im Wort her­aus­hö­ren
  • Wör­ter in Sil­ben glie­dern und in Sil­ben lesen

Rechtschreibung

  • alle Buch­sta­ben kor­rekt schrei­ben
  • Mini­mal­paa­re rich­tig schrei­ben
  • häu­fi­ge Wör­ter mit Ortho­gra­phe­men schrei­ben, z.B. von, dann, und
  • Recht­schreib­re­geln ken­nen: (Anm.: Ken­nen heißt so viel wie, „Ah, das habe ich schon mal gehört.”)

Ein Wort hat höchs­tens nur einen gro­ßen Buch­sta­ben.
Am Ende eines Sat­zes steht ein Punkt.
Nach einem Punkt schreibt man groß.
Nur das, was man anfassen/sehen/… kann, schreibt man am Anfang groß.

  • Feh­ler bei Wör­tern mit Basis­gra­phe­men erken­nen
  • Wort­gren­zen beach­ten

Lesen

  • alters­ge­mä­ße Lese- und Sach­tex­te sinn­erfas­send lesen
  • einen geüb­ten Text vor­le­sen
  • selbst­ge­schrie­be­ne Tex­te vor­le­sen
  • Gedich­te aus­wen­dig ler­nen und vor­tra­gen
  • Lese­för­de­rung u.a. durch eige­ne Klas­sen­bü­che­rei und früh­zei­ti­ge Nut­zung der Schul­bi­blio­thek

Fach­wör­ter: Erzähl­text, Über­schrift, Klap­pen­text, Inhalts­ver­zeich­nis, Sei­ten­zahl, Kapi­tel, Sach­buch / Wis­sens­buch, Reim, Mär­chen, Gedicht

Lese­übun­gen: Lese-Tan­dem, Lurs-Mini­ma­tor

Sprache und Sprachgebrauch untersuchen

  • Nomen als Wör­ter für Din­ge, Namen, Tie­re ken­nen
  • Ein­zahl und Mehr­zahl von Nomen mit Arti­keln bil­den
  • das Verb als ein Wort ken­nen, das eine Tätig­keit beschreibt
  • Wör­ter zu Ober­be­grif­fen (Nomen, Arti­kel) zuord­nen
  • Aus­sa­ge- und Fra­ge­satz ken­nen

Fach­wör­ter: Laut, Selbst­laut, Mit­laut, Sil­be, Buch­sta­be, Arti­kel, Satz, Fra­ge­satz, Nomen, Ver­ben

Texte verfassen

  • ent­spann­te Stift­hal­tung
  • ein­fa­che Tex­te form­klar abschrei­ben
  • eige­ne Tex­te prä­sen­tie­ren
  • älte­ren Schü­lern aus Klas­se 2–4 eige­ne Text­ide­en dik­tie­ren

Sprechen und Zuhören

  • an der Stan­dard­spra­che ori­en­tiert spre­chen und in voll­stän­di­gen Sät­zen
  • in Zusam­men­hän­gen erzäh­len (vs. „Erzäh­len“ in 2–3 Sät­zen)
  • Rede­wen­dun­gen anwen­den (Ich den­ke…, Mir gefällt…, etc.)
  • Arbeits­an­wei­sun­gen wie­der­ho­len
  • Vor­ge­le­se­nes (Gehör­tes) in eige­nen Wor­ten nach­er­zäh­len und wei­ter­erzäh­len
  • Vor­ha­ben pla­nen und erläu­tern

MATHEMATIK

Größen und Messen (= Sachmathematik)

  • Vor­stel­lun­gen zu Grö­ßen ent­wi­ckeln (nicht damit rech­nen kön­nen!)
    1. Geld (Mün­zen, Schei­ne) (ers­tes Rech­nen)
    2. Zeit (vol­le Stun­de, vor-/nachmittags)
    3. Gewicht (Gramm / Kilo­gramm)
    4. Tem­pe­ra­tur (°Cel­si­us)
    5. Kalen­der (Tag, Monat, Jahr, Jah­res­zei­ten)
    6. Län­gen (Meter, Zen­ti­me­ter)
    7. wis­sen, wel­che Grö­ße, wann genutzt wird
  • Rechen­ge­schich­ten mit einem(!) Rechen­zei­chen ent­wi­ckeln, dar­stel­len und lösen
  • ein­fa­che funk­tio­na­le Bezie­hun­gen z.B. in Tabel­len beschrei­ben

Muster und Struktur (= Ästhetik / Logik)

  • geo­me­tri­sche und arith­me­ti­sche Mus­ter beschrei­ben / arti­ku­lie­ren, fort­set­zen, ent­wi­ckeln

Raum und Form (= Geometrie)

  • Lage­be­zie­hun­gen in der Ebene/im Raum beschrei­ben (rechts/links, oben/unten, Mit­te, vor/hinter, über/unter, …)
  • Vier­eck, Qua­drat, Recht­eck, Drei­eck, Kreis in der Ebe­ne erken­nen und benen­nen, mit Grund­for­men legen und aus­le­gen
  • Wür­fel in der Umwelt erken­nen
  • mit Kör­pern frei bau­en, Gebil­de nach­bau­en
  • ein­fa­che ach­sen­sym­me­tri­sche Figu­ren her­stel­len (fal­ten, zeich­nen, spie­geln)
  • Krei­se mit Zir­kel, Lini­en mit Line­al und Geo­drei­eck zeich­nen

Zahl und Operation (= Arithmetik)

  • Zah­len bis 20 lesen und schrei­ben, vorwärts/rückwärts zäh­len, von einer Zahl aus zäh­len
  • Men­gen erfas­sen, nen­nen und zuord­nen
  • Zah­len unter Anzahl-/Ordnungsaspekt auf­fas­sen und dar­stel­len
  • Zah­len zer­le­gen(!)
  • Zah­len ver­glei­chen
  • Zah­len­strahl nut­zen
  • Zah­len ver­dop­peln und hal­bie­ren
  • Zeh­ner­zah­len
  • 1+1 auto­ma­ti­sie­ren und Umkeh­run­gen ablei­ten (im Kopf rech­nen / ohne Fin­ger)
  • Blitz­rech­nen!
  • typi­sche Auf­ga­ben­for­ma­te: Zah­len­mau­ern, -häu­ser, Platz­hal­ter

Ver­öf­fent­licht sind auch die Erwar­tun­gen für die Klas­se 2 und Klas­se 3.

3 Antworten auf „Erwartungen am Ende von Klasse 1“

  1. Sehr umfang­rei­che und detail­lier­te Auf­lis­tung! Ins­be­son­de­re im Bereich Mathe­ma­tik fin­de ich sehr bemer­kens­wert, dass dort sehr viel mehr dazu gehört als nur das übli­che „Rech­nen im Zah­len­raum bis 20”.

  2. Die genaue und detail­lier­te Auf­lis­tung ist sehr hilf­reich für mei­ne Arbeit. Sind die wei­te­ren Erwar­tungs­ho­ri­zon­te (Klas­se 2,3,4) auch online zu fin­den?
    Herz­li­che Grü­ße
    Sil­ke B.

    1. Schau­en Sie rechts bzw. unten bei SCHLAGWORTE, dann ‘Lern­zie­le’. Dort fin­den Sie mei­ne Erwar­tun­gen für Klas­se 2. Die für Klas­se 3 und 4 habe ich auch, aller­dings noch nicht ver­öf­fent­licht.

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