Erwartungen am Ende von Klasse 2

Die neu­en Rah­men­plä­ne in Rhein­land-Pfalz geben im Unter­schied zu den alten Lehr­plä­nen kei­ne ver­bind­li­chen Lern­zie­le für jedes Schul­jahr mehr an. Viel­mehr beto­nen sie in Anleh­nung an die Bil­dungs­stan­dards, wel­che Anfor­de­run­gen erst am Ende von Klas­se 4 gestellt wer­den. Ich befür­wor­te die Neu­aus­rich­tung der Teil­rah­men­plä­ne sehr, da sie den Raum für indi­vi­du­el­les Ler­nen eröff­net haben!

Als Leh­rer, der kein Schü­ler­buch in sei­ner Klas­se ein­ge­führt hat, muss­te ich mir die Fra­ge stel­len, was die Kin­der am Ende von Klas­se 2 können/wissen müs­sen, um lang­fris­tig den Bil­dungs­stan­dards am Ende von Klas­se 4 gerecht zu wer­den. Ein Schul­buch nimmt einem die­se Arbeit schein­bar ab. Vor allem Eltern gibt ein Schul­buch aber eine gewis­se Ori­en­tie­rung: „Das, was drin steht, muss mein Kind kön­nen.” Dabei soll­ten Eltern nur nicht dem Irr­tum erlie­gen und anneh­men, dass etwas, was ein Kind gemacht hat, es auch tat­säch­lich ver­stan­den und ver­in­ner­licht hat. Ver­stan­de­nes Wis­sen und auto­ma­ti­sier­te Fer­tig­kei­ten (ggfs. noch mit einem gerin­ge­ren intel­lek­tu­el­len Anspruch) sind zwei paar Schu­he! Ana­log gilt das­sel­be für den umge­kehr­ten Fall. Ein „halb lee­res” Schü­ler­buch bedeu­tet nicht, dass ein Kind die dar­in zu bear­bei­ten­den Auf­ga­ben intel­lek­tu­ell nicht auch so bewäl­ti­gen könn­te. Das ist im Ein­zel­fall ver­schie­den.

Um den neu gewon­nen Frei­raum sinn­voll zu nut­zen und dabei den Blick auf das Wesent­li­che nicht zu ver­lie­ren, habe ich für mei­nen Unter­richt Lern­an­for­de­run­gen oder Erwar­tun­gen for­mu­liert, die am Ende von Klas­se 2 in Deutsch und Mathe von jedem Kind erreicht sein sol­len. Ori­en­tiert habe ich mich dabei an ver­schie­de­nen Vor­la­gen aus Hef­ten (z.B. Kön­ner­heft für Klas­se 2), (Schul-)Büchern und Anfor­de­run­gen aus ande­ren Bun­des­län­dern – und nicht zu ver­ges­sen den Bil­dungs­stan­dards und den Teil­rah­men­plä­nen.

MATHEMATIK

Zahlen und Zahlenraum / Muster und Strukturen

  • Alle Zah­len bis 100 ken­nen
  • Zügi­ges und siche­res Ori­en­tie­ren im 100er-Feld
  • Men­gen über­schla­gen und abschät­zen
  • Gera­de und unge­ra­de Zah­len erken­nen und benen­nen
  • Zah­len­rei­hen fort­set­zen (2 4 6 8 __) oder (38 34 30 __)
  • Rechen­ta­bel­len berech­nen, Mus­ter in Rechen­ta­bel­len und im 100er-Feld erken­nen und den rech­ne­ri­schen Zusam­men­hang der Mus­ter erklä­ren
  • Dezi­mal­stel­len­sys­tem (Z E) ver­in­ner­li­chen, Bün­de­lung

Problemlösen, Mathematisieren / Daten

  • Eigen­stän­di­ges Fin­den, Auf­stel­len und Lösen von Sach­auf­ga­ben aus dem Lebens­um­feld der Schü­ler
  • Lösen vor­ge­ge­be­ner Sach-/Knobelaufgaben
  • Durch­füh­ren von ein­fa­chen Umfragen/Befragungen, Daten sam­meln, tabel­la­risch aus­wer­ten, gra­fisch (Säu­len­dia­gramm) dar­stel­len und reflek­tie­ren (Thea­ter-Umfra­ge, Bewer­tung des Klas­sen­leh­rers, …)
  • Zufalls­ex­pe­ri­men­te und Wahr­schein­lich­keit: Grund­be­grif­fe ken­nen (unmög­lich, wahr­schein­lich), Gewinn­chan­cen bei ein­fa­chen Zufalls­ex­pe­ri­men­ten bei Wür­fel- und Münz­spie­len ein­schät­zen

Größen und Messen

  • Län­gen: Mes­sen mit Maß­band, Line­al oder Zoll­stock, Begrif­fe: Zen­ti­me­ter, Mil­li­me­ter, Meter
  • Län­gen ver­glei­chen, schät­zen
  • Uhr: Stun­den, Minu­ten, hal­be Stun­de, Zeit­span­nen
  • Kalen­der: Wochen­ta­ge, Mona­te und Jah­res­zei­ten ordnen/zuordnen
  • Mit Geld rech­nen, Begrif­fe Euro und Cent ken­nen und anwen­den
  • Wie­gen an der Bal­ken­waa­ge, Begrif­fe kg und g ken­nen und anwen­den
  • Unter­su­chun­gen: Bus­fahr­plan, Kas­sen­zet­tel, Lebens­mit­tel­ver­pa­ckun­gen

Arithmetik / Operationen

  • Addition/Subtraktion von belie­bi­gen ein­stel­li­gen und zwei­stel­li­gen Zah­len
  • Umkehr­auf­ga­ben
  • Zah­len ver­dop­peln (•2) und hal­bie­ren (:2)
  • Zah­len zer­le­gen (24 = 11 + 13), Zah­len­häu­ser
  • Ket­ten­auf­ga­ben auf­stel­len / wür­feln und berech­nen, z.B. 3 + 15 + 25 – 21 = _
  • Kern­auf­ga­ben des Ein­mal­eins sicher im Kopf beherr­schen
  • Kern­auf­ga­ben der Divi­si­on anbah­nen
  • Platz­hal­ter­auf­ga­ben, z.B. 14 + __ = 51
  • Lösun­gen über­schla­gen
  • Glei­chun­gen berech­nen (13 – 9 = __ + 2) oder (43 + 28 = __ – 17)
  • Unglei­chun­gen (grö­ßer als, klei­ner als) 34 > 19 oder 45 + 2 < 50

Begrif­fe: Addi­ti­on, addie­ren, Sub­trak­ti­on, sub­tra­hie­ren, Mul­ti­pli­ka­ti­on, mul­ti­pli­zie­ren, Divi­si­on, divi­die­ren, umkeh­ren, schätzen/überschlagen

Geometrie / Raum und Form

  • Lage­be­zie­hun­gen / rechts und links sicher unter­schei­den
  • Ebe­ne Figu­ren (in der Umwelt) erken­nen, Eigen­schaf­ten benen­nen und zeich­nen: Recht­eck, Qua­drat, Drei­eck, Kreis
  • Mus­ter erfin­den und fort­füh­ren
  • Spie­ge­lun­gen: Spie­ge­lach­sen fin­den, eige­ne Figu­ren zeich­nen
  • dreh­sym­me­tri­sche (-> u.a. Wie­sen­blu­men)
  • Figu­ren und Mus­ter mit Line­al / far­bi­gen Stif­ten zeich­nen
  • Kör­per (in der Umwelt) erken­nen, Eigen­schaf­ten benen­nen von Wür­fel, Quader/Pyramide, Kugel (Begrif­fe: Flä­che, Kan­te, Ecke, Sei­te)
  • Bau­plä­ne mit Wür­feln erstel­len und nach­bau­en

DEUTSCH

Lesen – mit Texten und Medien umgehen

  • geüb­te Tex­te sinn­ge­stal­tend und flie­ßend vor­le­sen
  • unbe­kann­te Sach- und Erzähl­tex­te lesen und gezielt Infor­ma­tio­nen ent­neh­men (mar­kie­ren vs. unter­strei­chen, Inhal­te anhand von Über­schrif­ten und Bil­dern anti­zi­pie­ren)
  • sich in Lexi­ka ori­en­tie­ren und sie als Nach­schla­ge­hil­fe nut­zen (Klas­sen­bü­che­rei)
  • Gedich­te ken­nen, aus­wen­dig ler­nen und sinn­be­tont vor­tra­gen
  • Merk­ma­le von Gedich­ten (Reim, Vers, Stro­phe) benen­nen und erken­nen
  • Auf­bau eines Buches ken­nen: Titel, Autor, Klap­pen­text, Inhalts­ver­zeich­nis, Kapi­tel, Sei­ten­zah­len
  • Unter­schie­de zwi­schen Mär­chen und Fabeln, sowie zwi­schen Erzäh­lun­gen und Berich­ten benen­nen

Begrif­fe: Stro­phe, Vers, Reim, Gedicht, Erzäh­lung, Mär­chen, Sach­buch, Lese­buch, Titel, Autor, Kapi­tel, Inhalts­ver­zeich­nis

Lese­übun­gen: Lese-Tan­dems, Lurs-Mini­ma­tor

Rechtschreibung

sie­he Erwar­tun­gen am Ende von Klas­se 1

  • Wör­ter bestehend aus Basis­gra­phe­men rich­tig schrei­ben
  • Wör­ter mit ers­ten ortho­gra­phi­schen Mus­tern (Ortho­gra­phe­men) bzw. in Zusam­men­hän­gen rich­tig schrei­ben, z.B. Groß­schrei­bung am Satz­an­fang, Satz­zei­chen am Satz­en­de, Endun­gen -er / -en, etc.
  • geüb­te Wör­ter rich­tig schrei­ben
  • Wort­ar­ten ken­nen und wie­der­erken­nen: Nomen, Ver­ben, Adjek­ti­ve
  • Ver­ben aus Basis­gra­phe­men rich­tig kon­ju­gie­ren
  • zusam­men­ge­setz­te Wör­ter (Nomen-Nomen etc.) erken­nen und glie­dern
  • Tex­te feh­ler­frei abschrei­ben
  • Feh­ler­wör­ter mit Hil­fe des Wör­ter­buch prü­fen (Feh­ler­sen­si­bi­li­tät ent­wi­ckeln)
  • Wör­ter­buch: Wör­ter mit Vor­sil­ben und zusam­men­ge­setz­te Nomen fin­den
  • ers­te Recht­schreib­stra­te­gi­en nut­zen: Ablei­ten, Ver­län­gern
  • ers­te Ein­sich­ten in die Prin­zi­pi­en der Wort­bil­dung gewin­nen, d.h. eini­ge Wort­bau­stei­ne ken­nen (Ken­nen heißt nicht „Kön­nen”!): Wort­stamm – vor­an­ge­stell­te Wort­bau­stei­ne (vor-/ver-, ge-/be-, an-) – nach­ge­stell­te Wort­bau­stei­ne (-ig/-lich, -en/-er)
  • Wort­bau­stei­ne in iso­lier­ten Wör­tern erken­nen
  • Wort­fa­mi­li­en bil­den kön­nen (–> Stamm­prin­zip)

Texte verfassen

  • les­ba­re Druck­schrift, in Ansät­zen les­ba­re latei­ni­sche Aus­gangs­schrift (Schreib­schrift)
  • eige­ne Tex­te nach dem Schrei­ben mit einem Part­ner 1. den Inhalt auf Ver­ständ­lich­keit und 2. die Recht­schrei­bung prü­fen
  • logi­sche und ver­ständ­li­che Erzäh­lun­gen
  • beim Schrei­ben die Schreib­ab­sicht berück­sich­ti­gen
  • Syn­onym­wör­ter­buch (Sag’ es bes­ser!) bei gehäuf­ten Wort­wie­der­ho­lun­gen nut­zen (liegt bei mir und gebe ich im Bedarfs­fall den Kin­dern)
  • eige­ne Tex­te sinn­voll glie­dern (Über­schrift, ggfs. aller­ers­tes Glie­dern in Absät­ze)
  • Text­ar­ten unter­schei­den: Erzäh­lung, Mär­chen, Sage (im Schul­ort steht eine alte Burg, um die her­um es vie­le Sagen gibt)

Sprechen und Zuhören

  • sich ver­ständ­lich aus­drü­cken / erzäh­len
  • begrün­det auf Fra­gen ant­wor­ten
  • in gan­zen Sät­zen” ant­wor­ten
  • die eige­nen Arbeits­leis­tun­gen (Haus­auf­ga­ben und Tages­auf­ga­ben) kri­tisch bewer­ten und Schlüs­se für den nächs­ten Tag zie­hen
  • Arbeits­zie­le für einen Tag for­mu­lie­ren
  • bei Kon­flik­ten zu Lösun­gen bei­tra­gen
  • die Arbeits­leis­tun­gen der Mit­schü­ler begrün­det bewer­ten
  • per­sön­li­che Stär­ken und Schwä­chen benen­nen

Begrif­fe: Begrün­dung / Erklä­rung, Dis­kus­si­on / dis­ku­tie­ren, Stär­ke, Schwä­che, Schluss­fol­ge­rung, Kon­se­quenz, Kri­tik

Sprache und Sprache untersuchen

  • Wort­fa­mi­lie, Wort­stamm, Vor­sil­be, „Nomen­test” mit viel/ein, Wort­ver­län­ge­rung (indi­vi­du­ell / in Klein­grup­pe bespre­chen, wenn freie Tex­te ver­fasst wer­den)
  • Reim­wör­ter fin­den
  • Ober­be­grif­fe zu Wort­samm­lun­gen fin­den
  • Wir­kung von abwechs­lungs­rei­chen vs. immer glei­chen Satz­an­fän­gen unter­su­chen und Kon­se­quen­zen zie­hen
  • Wör­ter nach dem Alpha­bet ord­nen (-> für Wör­ter­buch)

Begrif­fe: Wort, Satz, Kom­ma, Dop­pel­punkt, Sil­be, Frage-/Ausrufezeichen, Rede­zei­chen, Trenn­strich, Punkt, Wort­fa­mi­lie, Wort­stamm, Ober­be­griff

Ver­öf­fent­licht sind auch die Erwar­tun­gen / Lern­zie­le für Klas­se 1 und Klas­se 3.

4 Antworten auf „Erwartungen am Ende von Klasse 2“

  1. Hal­lo,
    eine super über­sicht­li­che Auf­lis­tung, gut durch­dacht und pri­ma nach­zu­voll­zie­hen – auch für die Eltern. Hut ab und ein Dau­men­drü­cken, dass du das alles mit dei­nen Zweit­kläss­lern hin­be­kommst.
    Gruß
    Ch. Platz

  2. @Ch. Platz
    Ich den­ke, dass ich auf einem guten Wege bin, das alles hin­zu­be­kom­men. 😉 Es sieht, wenn man sich das alles durch­liest, im Prin­zip nach mehr aus, als es in der Rea­li­tät ist. Vie­le Kin­der erfül­len einen Groß­teil der Anfor­de­run­gen heu­te schon.

  3. Ich bin schwer beein­druckt! Eine sehr gute Idee, sich vor Beginn des Schul­jah­res Gedan­ken zu machen, was denn am Ende raus­kom­men soll ;-)) Ich den­ke zwar auch, dass es ohne Schul­bü­cher geht. Wel­ches Mate­ri­al / Lite­ra­tur stellst du den Kin­dern zur Ver­fü­gung? Machen das alle an dei­ner Schu­le so? Oder bist du Ein­zel­kämp­fer? Wei­ter so!! 😉

  4. Hal­lo,
    ein sehr inter­es­san­ter Arti­kel. Mich haben nun auch die Anfor­de­run­gen für Klas­se 3, die Sie für den Beginn des Schul­jah­res ange­kün­digt hat­ten, inter­es­siert. Hab ich Sie über­se­hen oder sind sie doch nicht hier ver­öf­fent­licht?

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