Das „entzauberte” Gymnasium

Kürz­li­ch las ich den Arti­kel „Das Gym­na­si­um ist ‘ent­zau­bert’, aber alter­na­tiv­los für Eltern der ‘sozia­len Mit­te’.” Dar­in wird die Stu­die „Eltern – Leh­rer – Schul­er­folg. Wahr­neh­mun­gen und Erfah­run­gen im Schul­all­tag von Eltern und Leh­rern” erläu­tert. Die Stu­die von 2013, in der Eltern und Leh­rern inter­viewt wor­den sind, gibt wich­ti­ge Hin­wei­se dar­über, wie Leh­rer und Eltern sich zur Inklu­si­on, dem G9, der Leh­rer­aus­bil­dung, dem Leis­tungs­an­spruch und vie­len ande­ren The­men äußern. Der voll­stän­di­ge Gast­bei­trag kann nach­ge­le­sen bei →Bil­dungskli­ck. Die Kern­aus­sa­gen der Stu­die fin­den sich bei der →Kon­rad-Ade­nau­er-Stif­tung und lau­ten:

In den Fami­li­en spie­len Schu­le und Schul­leis­tun­gen ein domi­nan­tes The­ma. Die Mehr­heit der Eltern strebt eine Stär­kung der Per­sön­lich­keit des Nach­wuch­ses an und möch­te mehr als nur Wis­sens­ver­mitt­lung durch die Schu­le. Die­ses Dilem­ma wird ins­be­son­de­re auf dem Gym­na­si­um imma­nent. Vie­le Eltern neh­men das Gym­na­si­um als „Lern­stoff­ver­mitt­lungs­agen­tur“ und „Assess­ment-Cen­ter“ wahr und fra­gen, wie viel Platz Wer­te noch haben? Der Leis­tungs­druck in den Schu­len för­dert (unbe­ab­sich­tigt) die Retra­di­tio­na­li­sie­rung der Frau­en­rol­le, indem Müt­ter im Beruf kür­zer tre­ten, da sie als Hilfs­leh­re­rin­nen am Nach­mit­tag gefor­dert sind. Trotz aller Kri­tik am Gym­na­si­um bleibt es für Eltern der sozia­len Ober- und Mit­tel­schicht die ange­streb­te Schul­art. Das gilt nicht für Eltern ande­rer Milieus! Eltern mit tür­ki­schem Migra­ti­ons­hin­ter­grund und Spät­aus­sied­ler erwar­ten auf­grund einer ande­ren kul­tu­rel­len Sozia­li­sa­ti­on, dass Leh­rer Auto­ri­tät und Stren­ge ein­for­dern.
Lehrer/-innen stel­len fest, dass in den letz­ten Jah­ren die Leis­tungs­be­reit­schaft und das Leis­tungs­ni­veau der Schü­ler gesun­ken ist. Ver­bes­se­rungs­be­darf sehen Lehrer/-innen vor allem in ihrer Aus­bil­dung.

Quel­le: Eltern – Leh­rer – Schul­er­folg

Und die inter­es­san­tes­te Kern­aus­sa­ge lau­tet: „Sowohl Eltern und Lehrer/-innen sind ins­ge­samt mit dem Schul­sys­tem unzu­frie­den.” Das klingt irgend­wie nach: Immer meckern, aber ja nichts ver­än­dern! Alter­na­tiv: Bes­ser ist’s im Sumpf, da weiß man, wo man ist!

Nach­trag (20.10.2014):  Ergän­zend zur Unter­su­chung von oben, in der aus­führ­li­che Inter­views geführt wor­den sind, ver­wei­se ich noch auf die kürz­li­ch ver­öf­fent­lich­te 3. JAKO-O Umfra­ge: Was Eltern für ihre Kin­der vom Schul­sys­tem for­dern

Die Tigerklasse

Eine Kol­le­gin aus Hes­sen, die ich jetzt seit ca. zwei Jah­ren ken­ne, bekommt im nächs­ten Schul­jahr eine neue Klas­se 1. Auf ihrer Sei­te Die Tiger­klas­se berich­tet sie von ihren Vor­be­rei­tun­gen auf das kom­men­de Schul­jahr. Spä­ter wird sie von ihrem Schul­all­tag mit den Kin­dern erzäh­len.

Was ich an ihrer Arbeit beson­ders bewun­de­re, ist ihr künst­le­ri­sches Talent und ihre Begeis­te­rung, die sie auch auf die Kin­der ihrer Klas­se aus­zu­strah­len ver­mag. Auf ihrer noch aktu­el­len Sei­te Frosch­klas­se kann sich jeder anhand von vie­len Fotos einen guten Ein­druck davon machen.

Ich wün­sche dir, Gabi, einen guten Start ins neue Schul­jahr! Aber ver­giss nicht bei allem Eifer: Die Som­mer­fe­ri­en sind auch für die Leh­rer da.” 😉

Treibhäuser der Zukunft

Prof. Dr. Els­be­th Stern, Max-Planck-Insti­tut für Bil­dungs­for­schung:

Der fra­gend-ent­wi­ckeln­de Unter­richt ist in Deutsch­land die ver­brei­tets­te Form, um Wis­sen zu ver­mit­teln. Man nennt das übri­gens auch Oster­ha­sen­päd­ago­gik, weil der Leh­rer die Eier, das Wis­sen, ver­steckt, das von den Schü­lern gefun­den wer­den soll. So wird Wis­sen in der Schu­le erwor­ben. Die Auf­ga­ben, die mir der Leh­rer vor­ge­ge­ben hat, muss ich lan­ge genug üben, dann kann ich sie. Aber sobald die Auf­ga­ben von dem übli­chen For­mat in der Schu­le abwei­chen, das haben PISA und TIMMS gezeigt, kön­nen vie­le deut­sche Schü­ler die­se Auf­ga­ben nicht mehr lösen, weil das Wis­sen trä­ge und unfle­xi­bel abge­spei­chert ist. Es war immer nur auf eine bestimm­te Anfor­de­rung zuge­schnit­ten.”

Dr. Andre­as Schlei­cher, inter­na­tio­na­ler PISA-Koor­di­na­tor:

Wenn sie sich die Leis­tun­gen im Bereich Natur­wis­sen­schaf­ten anschau­en, dann kön­nen sie sagen: Na gut, mit den Ergeb­nis­sen kön­nen wir leben. Aber was ist, wenn die Schü­ler am Ende ihrer Schul­zeit sagen: Ich habe jetzt Natur­wis­sen­schaf­ten gemacht, damit will ich nie wie­der was zu tun haben in mei­nem Leben!? Ein gro­ßer Teil die­ser Schü­ler ist total demo­ti­viert. Wir haben irgend­wie noch das Wis­sen ver­mit­telt, aber die Moti­va­ti­on wei­ter­zu­ler­nen, im Leben ihre Kom­pe­ten­zen aus­zu­bau­en, die haben wir im Grun­de unzu­rei­chend geför­dert.”

Prof. Dr. Man­fred Spit­zer, Uni­kli­nik Ulm:

Salopp gespro­chen, vor­mit­tags sind die Kin­der kurz vorm Tief­schlaf. Und wenn man nun noch weiß, dass Emo­tio­nen ganz wesent­li­ch für Lern­vor­gän­ge sind und die­se sich vor­mit­tags nicht abspie­len, dann ist natür­li­ch klar, dass vor­mit­tags eben Zeit ver­döst wird, aber dass nicht wirk­li­ch gelernt wird. Also müs­sen wir dafür sor­gen, dass Schu­len wie­der akzep­tier­te Orte sind, wo Lebens­voll­zug statt­fin­det. Für vie­le Schü­ler bedeu­tet Schu­le: Da geht man hin, schal­tet irgend­wie ab und erst wenn man drau­ßen ist, geht das Leben wie­der wei­ter.”

aus der ers­ten DVD Treib­häu­ser der Zukunft

Erhellende Momente

Eine Kol­le­gin schick­te mir vor weni­gen Tagen einen Erleb­nis­be­richt zu, nach­dem sie die Erfah­run­gen der Kol­le­gin der Frosch­klas­se mit wei­ter­füh­ren­den Schu­len las:

Kürz­li­ch habe ich an einem Tref­fen von Grund­schul­lei­te­rIn­nen, Grund­schul­leh­re­rIn­nen und (Deut­sch-) Leh­re­rIn­nen von wei­ter­füh­ren­den Schu­len (Haupt­schu­le, Real­schu­le, Gym­na­si­um) teil­ge­nom­men. Es ging hier­bei um die Fra­ge, ob Grund­schü­ler aus­rei­chend auf die wei­ter­füh­ren­den Schu­len vor­be­rei­tet sind / wer­den – ins­be­son­de­re im Fach Deut­sch. Auf Anre­gung eini­ger Grund­schul­lei­ter kam es zu die­sem Aus­tau­sch, da es immer wie­der Beschwer­den von Deut­sch-Leh­re­rIn­nen der wei­ter­füh­ren­den Schu­len gab und gibt: Die Grund­schü­le­rin­nen und Grund­schü­ler hät­ten kaum noch eine „ordent­li­che“ flüs­si­ge und les­ba­re Schreib­schrift und dar­über hin­aus wür­den sie vor allem in unge­üb­ten Dik­ta­ten sehr vie­le Feh­ler schrei­ben.

Erhel­lend an die­sem Tref­fen war für mich, dass den Kol­le­gIn­nen der wei­ter­füh­ren­den Schu­len weder die Grund­schul­ord­nung und die Rah­men­plä­ne, noch die Bil­dungs­stan­dards der Grund­schu­le bekannt waren. Dies gilt auch für Metho­den wie frei­es Schrei­ben, Recht­schreib­kon­fe­ren­zen, Wör­ter­buch­ar­beit etc., die genauso wenig / kaum bekannt sind. Bis­her ging ich davon aus, dass sich alle Schu­len an dem alten päd­ago­gi­schen Prin­zip ori­en­tie­ren: „Die Kin­der da abho­len, wo sie ste­hen!“ Ich wur­de eines bes­se­ren belehrt.

Was mich oft an der Ein­stel­lung der Kol­le­gIn­nen der wei­ter­füh­ren­den Schu­len ver­zwei­feln lässt, ist die noch weit ver­brei­te­te Unfä­hig­keit, Kin­der in ihrer Indi­vi­dua­li­tät wahr­zu­neh­men und indi­vi­du­ell zu för­dern. Statt­des­sen wird noch viel zu häu­fig eine vor­sor­tier­te, gut vor­be­rei­te­te (die Fra­ge ist auf was?) und homo­ge­ne Lern­grup­pe erwar­tet. War­um eigent­li­ch? Hier muss aus mei­ner Sicht noch eini­ges an Auf­klä­rungs- und Über­zeu­gungs­ar­beit geleis­tet wer­den, damit auch an wei­ter­füh­ren­den Schu­len end­li­ch erkannt wird, dass Kin­der, die die Grund­schu­le ver­las­sen, eine Viel­zahl an Fähig­kei­ten erwor­ben haben, die dar­auf war­ten, wei­ter­ge­führt zu wer­den!

Die Auto­rin arbei­tet als Leh­re­rin an einer Grund­schu­le in Deutsch­land.