Unterricht bei mir

Ich bin der­zeit Klas­sen­leh­rer eines ers­ten Schul­jah­res mit 23 Kin­dern in Rhein­land-Pfalz (2012/2013). Die Schu­le, in der ich arbei­te, ist eine „ganz nor­ma­le staat­li­che Grund­schu­le” zwi­schen Trier und Koblenz. Es gibt 8 Klas­sen mit ca. 170 Kin­dern.

Mein Unter­richt basiert auf vier Säu­len.

1. Säu­le: Gemein­sa­me Pha­sen im Stuhl­kreis oder an der Tafel/Smartboard: Die­se Zeit nut­ze ich für Inhal­te, meist Übun­gen, die für alle Kin­der rele­vant sind. Bei­spiel­haft sei­en nur die Laut­übun­gen in Klas­se 1 genannt. Wich­tig sind hier aber auch die gemein­sa­men Refle­xi­ons­ge­sprä­che über das Klas­sen­ge­sche­hen, Arbeits­er­geb­nis­se etc.

2. Säu­le: Frei­wil­li­ge oder ver­pflich­ten­de Klein­grup­pen­ar­beit: Dazu set­ze ich mich mit etwa 2–6 Kin­dern an einen Dop­pel­tisch und arbei­te mit ihnen in klei­ner Run­de. Mei­ne Lern­an­ge­bo­te sind dabei frei­wil­lig. Nur sel­ten nimmt das Lern­an­ge­bot kein Kind an. Zur ver­pflich­ten­den Klein­grup­pen­ar­beit bit­te ich die Kin­der aber täg­lich abwech­selnd und gezielt zu mir. So kann ich mit ihnen pass­ge­nau an einem The­ma arbei­ten, bei dem ich Ent­wick­lungs­be­darf sehe.

3. Säu­le: Kenn­zeich­nen­des Merk­mal ist hier die ein­lei­ten­de Fra­ge „Wor­an möch­test du jetzt arbei­ten?” Ent­schei­dungs­schwa­chen Kin­dern gebe ich eine Aus­wahl aus ein bis drei Arbeits­ide­en. Die­se Säu­le bringt die Kin­der in die Selbst­stän­dig­keit und führt im Ide­al­fall am Ende von Klas­se 4 zur Eigen­ver­ant­wor­tung (*). Letz­te­re defi­nie­re ich als eine Arbeits­hal­tung von Ler­nen, die sich in einem Satz aus­drückt wie etwa „Ich WILL ler­nen, auch wenn du, lie­ber Leh­rer, nicht da bist. Habe ich Schwie­rig­kei­ten hole ich mir Hil­fe und gebe nicht sofort auf!” Bei der Refle­xi­on die­ser Arbeits­pha­se sage ich oft „Schu­le ist kein Pony­hof” und ver­su­che auch damit das Ler­nen hoch zu hal­ten.

4. Säu­le: Eltern­ar­beit, Eltern­ar­beit, Eltern­ar­beit… regel­mä­ßi­ge frei­wil­li­ge Tref­fen mit allen, Ein­zel­ge­sprä­che, schrift­li­ches Feed­back, Infor­ma­ti­ons­brie­fe etc. Man­che Eltern ver­trau­en Leh­rern nicht per se – war­um soll­ten sie auch? Die­ses Ver­trau­en muss man sich als Leh­rer müh­sam erar­bei­ten. Ohne Eltern­ar­beit brö­seln die ers­ten drei Säu­len schnel­ler dahin als einem lieb ist!

Vor­mit­tags ste­hen die ers­ten drei Säu­len gleich­wer­tig neben­ein­an­der. Jeder „nor­ma­le” Arbeits­tag besteht aus allen drei Säu­len, die zeit­lich ver­schie­den lang aus­fal­len und im Fal­le von Säu­le 2 und 3 par­al­lel statt­fin­den.

Zu Anfang von einer ers­ten Klas­se hal­te ich es für drin­gend not­wen­dig, Kin­der in die Selbst­stän­dig­keit zu brin­gen, damit ich Raum und Zeit für die zwei­te Säu­le gewin­ne. Die Ent­wick­lung der Selb­stän­dig­keit ist dabei an regel­mä­ßi­ges Feed­back und eine kur­ze Selbst­ein­schät­zung gekop­pelt, die meis­tens direkt nach einer Arbeits­pha­se und vor jeder Pau­se kommt (Habe ich flei­ßig gear­bei­tet? Gründ­lich? Habe ich ande­re gestört? etc.). Spä­ter reicht dann oft nur noch ein Ergeb­nis­kreis am Tagesen­de, manch­mal fällt er auch ganz weg, wenn ich mer­ke, dass die Kin­der der­art inten­siv arbei­ten, dass dies jetzt ein­fach Vor­rang hat.

Unter­richt bei mir stellt eine Form des „offe­nen Unter­richts” dar. Mir ver­schafft er Frei­raum, um viel indi­vi­du­el­ler auf Kin­der ein­zu­ge­hen, als es mir im über­wie­gend gleich­schrit­ti­gen Unter­richt mög­lich ist. Offe­ner Unter­richt ist für mich ein Weg, um die in der Grund­schul­ord­nung gefor­der­te „indi­vi­du­el­le För­de­rung” auch in eine prak­ti­sche Rea­li­tät umzu­set­zen, ohne dabei lang­fris­tig durch unrea­lis­ti­sche Mehr­ar­beit gesund­heit­lich auf­ge­rie­ben zu wer­den.

Jedes Unter­richts­kon­zept muss sich sicher­lich auch dar­an mes­sen las­sen, zu wel­chen schu­li­schen Leis­tun­gen es am Ende führt. Dazu habe ich mei­ne letz­te Klas­se jähr­lich mit stan­dar­di­sier­ten Norm­tests geprüft. Auch die län­der­über­grei­fen­de VERA-Prü­fung in der 3. Klas­se ermög­lich­te mir eine ver­glei­chen­de Ein­schät­zung. In allen(!) Tests schnitt mei­ne Klas­se wenigs­tens(!) auf dem Leis­tungs­durch­schnitt ab. Ent­las­tend waren jedoch nicht nur die Test­ergeb­nis­se, son­dern sind dar­über hin­aus die Erfah­run­gen der Kin­der in den wei­ter­füh­ren­den Schu­len und vor allem auch das sehr posi­ti­ve Bild, das mir die Gym­na­si­al­kol­le­gin­nen von den Kin­dern „mei­ner” ehe­ma­li­gen Klas­se kürz­lich zurück­ge­mel­det haben! Her­vor­ge­ho­ben wur­de hier die Ein­stel­lung der Kin­der zum schu­li­schen Ler­nen und beson­ders auch ihr Sozi­al­ver­hal­ten.

Bau­stei­ne mei­nes Unter­richts

  • Tech­ni­ken der Frei­net-Päd­ago­gik (z.B. Freie Arbeit, Klas­sen­bü­che­rei, Klas­sen­rat, Klas­sen­zei­tung, „Schul­dru­cke­rei” bzw. Ein­satz des Com­pu­ters (nach Bar­ba­ra Kochan, TU Ber­lin),
  • regel­mä­ßi­ge Arbeits­pro­zess- und Ergeb­nis­re­fle­xio­nen, Lern­ta­ge­buch, Lern­im­puls­ge­sprä­che / Lern­ent­wick­lungs­ge­sprä­che mit dem Leh­rer etc.
  • Natür­li­che Dif­fe­ren­zie­rung bei gemein­sa­men Auf­ga­ben (sie­he auch Haus­auf­ga­ben).
  • täg­li­cher Stuhl­kreis (Ort der Arbeits­pla­nung und Ort neu­er Lern­im­pul­se, wenn die Kin­der sehen, womit sich ihre Mit­schü­ler beschäf­ti­gen.)
  • Port­fo­lio anhand von Rah­men­vor­ga­ben

Der den Kin­dern gewähr­te Frei­raum führ­te ab der dama­li­gen Klas­se 2 (Schul­jahr 2009/2010) regel­mä­ßig zu Vor­trä­gen / Refe­ra­ten. Sie waren das Ergeb­nis eines Pro­zes­ses, der der Arbeit an der Uni im Grun­de genom­men recht ähn­lich ist. Wie ich dabei vor­ge­gan­gen bin, erläu­te­re ich im Dia­log mit einer Kol­le­gin. Es geht dar­um, ein The­ma zu fin­den bzw. sich selbst­stän­dig für ein zu bear­bei­ten­des The­ma zu ent­schei­den, geeig­ne­te Quel­len zu recher­chie­ren, sich einen Über­blick des The­mas zu ver­schaf­fen, Infor­ma­tio­nen zu gewin­nen (Klas­sen­bü­che­rei), sie auf­zu­be­rei­ten und sie am Ende so zu prä­sen­tie­ren, dass sie für die Klas­se anspre­chend und ver­ständ­lich sind. Bereits in der 2. Klas­se konn­te ich Vor­trä­gen zuhö­ren, die bis zu einer hal­ben Stun­de lang waren! Dies hier waren eini­ge der The­men aus dem dama­li­gen Jahr­gang: die ers­te Mond­lan­dung, Raub­tier Kat­ze, Blut, Mit­tel­al­ter, Rep­ti­li­en, die Zeit, Fle­der­mäu­se etc. Ihren Vor­trag unter­stütz­ten die Kin­der mit Fotos, die auf ein White­board pro­ji­ziert wer­den, und oft auch mit Hil­fe von ande­ren geeig­ne­ten Ver­an­schau­li­chungs­mit­teln.

Wenn ich nur darf, wenn ich soll, aber nie kann, wenn ich will, dann mag ich auch nicht, wenn ich muss. Wenn ich aber darf, wenn ich will, dann mag ich auch, wenn ich soll, und dann kann ich auch, wenn ich muss. Denn die, die kön­nen sol­len, müs­sen auch wol­len dür­fen. (Autor unbe­kannt)

So kam es zu die­sem Unter­richt: Nach dem Refe­ren­da­ri­at, das auf die alt­be­kann­ten Metho­den der über­wie­gend leh­rer­zen­trier­ten Stoff„vermittlung” setz­te, war ich ab 2006 zwei Jah­re lang Klas­sen­leh­rer einer dritten/vierten Klas­se. Unter dem Ein­fluss des Refe­ren­da­ri­ats gestal­te­te ich die­sen Unter­richt auch sehr leh­rer­zen­triert. Als ich dann im Schul­jahr 2008/2009 Klas­sen­leh­rer einer ers­ten Klas­se wur­de, sah ich mich mit Pro­ble­men kon­tron­tiert, die mit einem leh­rer­zen­trier­ten und gleich­schrit­ti­gen Unter­richt, in mei­nen Augen ein­fach nicht mehr zu bewäl­ti­gen waren. Die Leis­tungs­un­ter­schie­de waren gewal­tig! So fuhr ich regel­mä­ßig sehr unzu­frie­den nach Hau­se, weil ich trotz der Dif­fe­ren­zie­rung von oben nicht alle Kin­der auf ihrem indi­vi­du­el­len Lern­ni­veau errei­chen konn­te. Aber es konn­te doch nicht sein, dass ich der Ers­te gewe­sen wäre, der mit die­ser Hete­ro­ge­ni­tät zu kämp­fen hat­te?

Ich mach­te mich auf die Suche nach Model­len für indi­vi­dua­li­sier­tes Ler­nen, die im Refe­ren­da­ri­at aber lei­der kei­ner­lei Bedeu­tung hat­ten. Trau­rig, aber wahr! Dabei stieß ich unter ande­rem auf die mehr­fach aus­ge­zeich­ne­te staat­li­che Grund­schu­le Har­mo­nie in Eitorf, Namen wie Fal­ko Peschel, die Schwei­zer Mathe­ma­ti­ker Gal­lin und Ruf, die Schul­lei­te­rin des Elsa-Bränd­ström-Gym­na­si­ums Ober­hau­sen Eri­ka Ris­se und vie­le ande­re mehr. Sie alle trieb lan­ge vor mir die­sel­be Fra­ge um: Wie kann man allen Kin­dern gerecht wer­den, so dass jedes Kind moti­viert lernt? Sie hat­ten bereits Ant­wor­ten auf die­se Fra­ge gefun­den. Das erleich­ter­te mir die Arbeit, so dass ich nur noch von ihnen ler­nen muss­te, um dann ihre Lösun­gen auf mei­nen Unter­richt mit den Kin­dern der Klas­se 1 zu über­tra­gen und an die Grup­pe anzu­pas­sen.

Wäh­rend mei­nes Stu­di­ums an der Frei­en Uni­ver­si­tät in Ber­lin zum Grund­schul­leh­rer kam ich in mei­nem Haupt­fach Bio­lo­gie früh­zei­tig mit der Lern­for­schung in Berüh­rung. Schon damals wur­de mei­nen Kom­mil­li­to­nen und mir klar, dass Erkennt­nis­se der Lern- und Gehirn­for­schung im prak­ti­schen Schul­all­tag nahe­zu kei­ne Rol­le spiel­ten. Gleich­zei­tig hat­te ich das gro­ße Glück in den Erzie­hungs­wis­sen­schaf­ten auf einen Pro­fes­sor zu sto­ßen, der sich lei­den­schaft­lich der Geschich­te der Päd­ago­gik wid­me­te. Von ihm lern­te ich nicht nur nam­haf­te Päd­ago­gen ken­nen, son­dern auch und vor allem, was es heißt, sich mit Begeis­te­rung einem The­ma hin­zu­ge­ben. Vie­les von dem, was ich bei Prof. Hans­jörg Neu­bert und in Bio­lo­gie gelernt hat­te, wur­de Jah­re spä­ter plötz­lich sehr bedeu­tungs­voll für mei­nen Unter­richt. Viel­mehr sogar öff­ne­te mir das vor­han­de­ne Wis­sen neue Türen, da ich mich jetzt wie­der inten­si­ver mit der Lern- und Gehirn­for­schung befass­te. Denn seit dem Ende mei­nes Stu­di­ums sind meh­re­re Jah­re ver­gan­gen, in denen sehr vie­le neue Erkennt­nis­se gewon­nen wur­den, die für das Ler­nen rele­vant sind.

Schrit­te der Öff­nung: Aus all die­sen Ein­flüs­sen, die im Lau­fe des ers­ten Halb­jah­res in Klas­se 1 (Schul­jahr 2008/2009) auf mich ein­wirk­ten, form­te ich lang­sam über Wochen und Mona­te die Arbeits­wei­se für ein ver­än­der­tes und indi­vi­dua­li­sier­tes Ler­nen in mei­ner Klas­se. Es begann damit, dass ich zunächst die Haus­auf­ga­ben öff­ne­te. Ich führ­te aus­ge­hend von glei­chen Tages- und Wochen­plä­nen dif­fe­ren­zier­te Wochen­plä­ne mit ver­schie­de­nen Schwie­rig­keits­stu­fen ein usw. Die Eltern waren mit die­sen vor­ge­ge­be­nen Auf­ga­ben natür­lich glück­lich, denn sie gaben ihnen Ori­en­tie­rung. Ich aller­dings muss­te fest­stel­len, dass all die­se Metho­den, vie­le Kin­der immer noch unter- oder über­for­dert haben. Wäh­rend der Zeit mit den Wochen­plä­nen in Klas­se 1 stell­te ich mit Freu­de fest, wie selbst­stän­dig die Kin­der zu arbei­ten gelernt hat­ten. Wenn die Kin­der so selbst­stän­dig arbei­ten, war­um also nicht einen wei­te­ren Schritt wagen, der den Kin­dern noch mehr indi­vi­dua­li­sier­tes Ler­nen ermög­licht? Die Erfah­run­gen von ande­ren Schu­len bestärk­ten mich zu die­sem Schritt.

Mir wur­de bewusst, dass die­ser Schritt radi­kal gegen das ver­sto­ßen wür­de, was Eltern von Schu­le gewohnt sind und was sie erwar­ten. Ein Leh­rer, der nicht mehr aus­schließ­lich dazu da ist, Stoff zu ver­mit­teln, ein Leh­rer, der es wagt, ohne Schul­bü­cher zu unter­rich­ten, ein Leh­rer, der… all das wider­spricht sämt­li­chen Erfah­run­gen, die Eltern mit Schu­le gemacht haben.

Ein Eltern­abend muss­te her! Die Unter­stüt­zung der Eltern für den Unter­richt war mir wich­tig.

Auf die­sem Eltern­abend stell­te ich die Ver­än­de­run­gen vor, die ich in der Klas­se seit ein paar Wochen und Mona­ten nach und nach vor­nahm. Ich stell­te Aus­zü­ge aus der Schul­ord­nung vor, die den Eltern bewusst machen soll­te, dass ein der­ar­tig ver­än­der­ter Unter­richt mit den recht­li­chen Vor­ga­ben 100%ig kon­form geht (Schul­ge­setz, Grund­schul­ord­nung). Ich mach­te den Eltern klar, dass ein sol­cher Unter­richt kei­ne fixe Idee eines Ein­zel­nen, son­dern in ande­ren Schu­len in Deutsch­land geleb­te Rea­li­tät ist und indi­vi­dua­li­sier­tes Ler­nen auch vom Lan­des­el­tern­bei­rat in Rhein­land-Pfalz in letz­ter Zeit immer wie­der ein­ge­for­dert wird. Sehr ent­las­tend und ermu­ti­gend war natür­lich auch das Glück, eine Schul­lei­te­rin zu haben, die voll hin­ter dem indi­vi­dua­li­sier­ten Ler­nen steht und selbst damit posi­ti­ve Erfah­run­gen gemacht hat, als sie noch Klas­sen­leh­re­rin war.

(*) Eigen­ver­ant­wort­lich arbei­ten­de Schü­ler spü­ren, wann sie Hil­fe brau­chen, wis­sen, wo sie sich Hil­fe holen kön­nen und for­dern sie ein! Das Kind will dem Leh­rer (den Eltern?) also letzt­end­lich aus­drü­cken: „Ver­traut mir doch ein­fach mal, ja, ich WILL ler­nen! Seid mir dabei eine Hil­fe und kon­trol­liert mich nicht stän­dig aus der Angst her­aus, dass ich nicht ler­nen woll­te!” Die­se Eigen­ver­ant­wor­tung, die­se Hal­tung, die mei­nem Ver­ständ­nis nach die nächst­hö­he­re Stu­fe von Selbst­stän­dig­keit ist, haben in mei­nem letz­ten Durch­gang min­des­tens 3/4 der Klas­se am Ende der Grund­schul­zeit ent­wi­ckelt.

Die­ser Arti­kel wur­de erst­ma­lig ver­öf­fent­licht am 18.6.2010. Zuletzt geän­dert am 8.4.2013.

6 Antworten auf „Unterricht bei mir“

  1. Zum Glück bist du nicht der ein­zi­ge, der „offen” arbei­tet und ich hof­fe sehr, dass es noch mehr wer­den!! Was du schreibst, klingt doch sehr ermu­ti­gend, sich auch dar­an zu wagen, zum Wohl der Kin­der und der eige­nen Ent­las­tung. …und dei­ne Schul­lei­te­rin ist ne ech­te Per­le!

  2. Ich bin erfreut, dass ich in dei­nen Schil­de­run­gen genau unse­ren Unter­richt an unse­rer Schu­le wie­der­ge­spie­gelt bekom­me. Wir arbei­ten jahr­gang­a­ge­mischt in Lern­grup­pen von Klas­se 1–4 und legen sehr viel Wert auf die intrin­si­che Moti­va­ti­on der Kin­der. Eige­ne Prä­sen­ta­tio­nen und Aus­stel­lun­gen, klei­ne sze­ni­sche Dar­bie­tun­gen im Unter­richt und das eige­ne Pla­nen im Mor­gen­kreis„ das Aus­wäh­len von Auf­ga­ben und Mate­ria­li­en und das Ver­ab­re­den zum gemein­sa­men Ler­nen, ste­hen neben dem Metho­den­trai­ning ganz oben auf unse­rem täg­li­chen Plan.

  3. Hal­lo Marek,
    ich bin erst ges­tern auf dei­ne Sei­te gesto­ßen und freue mich rie­sig. Inter­es­sie­re mich für das Kon­zept des Offe­nen Unter­richts und suche nach Bei­spie­len, wie man es auch in einer „ganz nor­ma­len” Schu­le anwen­den kann. Ich habe mich viel mit Peschels Kon­zept beschäf­tigt und wer­de ver­su­chen, dem­nächst dort auch ein­mal zu hos­pi­tie­ren. Dei­ne Beschrei­bun­gen machen mir aber schon mal Mut, dass es auch an einer Regel­schu­le klap­pen kann.
    Doch eine Fra­ge beschäf­tigt mich schon die gan­ze Zeit. Peschel hat in sei­ner Klas­se ja eine ganz radi­ka­le Öff­nung vor­ge­nom­men – was hält dich davon ab, den Unter­richt (bei Peschel ist es ja eher Nicht-Unter­richt) bei dir kom­plett zu öff­nen??
    Ist das Kon­zept nach Peschel doch nicht so umsetz­bar?
    Vie­len Dank für dei­ne tol­len Berich­te 🙂

    Vie­le Grü­ße,
    jackie

    1. Hal­lo Jackie,

      ich habe die radi­ka­le Öff­nung nicht durch­ge­führt, weil eini­ge Eltern bereits mit der prak­ti­zier­ten Öff­nung ihre Pro­ble­me hat­ten. Auch wenn es mir wich­tig war zum Ende von Klas­se 1, dass alle(!) Eltern an den Eltern­aben­den zuge­stimmt hat­ten, dass ich im 2. Schul­jahr die Offen­heit vor­an­trei­be, gab es doch immer noch vie­le Beden­ken, Sor­gen und Ängs­te. Wie du ja an ande­rer Stel­le gele­sen hast, habe ich zu Beginn des ers­ten Schul­jah­res noch „ganz nor­mal” Unter­richt gemacht, alle im Gleich­schritt mit teil­wei­se unter­schied­li­chen Auf­ga­ben.

      Auf der ande­ren Sei­te gab es aber auch die Eltern, die die­sen indi­vi­dua­li­sier­ten Unter­richt aus den ver­schie­dens­ten Grün­den sehr unter­stütz­ten. Du wirst immer sol­che und sol­che Eltern haben und die schwei­gen­de Mas­se. Unab­hän­gig davon, habe ich im zwei­ten Schul­jahr inhalt­lich, metho­disch und orga­ni­sa­to­risch durch­gän­gig offen gear­bei­tet. Was bei mir fehl­te, war die Selbstverwaltung/-regierung der Schü­ler (vgl. Bestim­mungs­ras­ter des oU, unten bei sozia­le Offen­heit).

      Wäh­rend der zwei­ten Klas­se hat­te ich manch­mal das Gefühl, dass ich mich als Mensch zu wenig in das Klas­sen­ge­sche­hen ein­ge­bun­den sah. Auch ICH habe ja etwas anzu­bie­ten, Din­ge, die mir wich­tig sind, die auch mich begeis­tern, zum Bei­spiel der gan­ze mathe­ma­tisch-natur­wis­sen­schaft­li­che Bereich etc. 🙂 Das bedeu­tet aber nicht, dass ich Unter­richts­ein­hei­ten durch­füh­ren wür­de oder Rah­men­the­men hät­te. Sehr ver­ein­zelt gibt es die Rah­men­the­men, wenn wir uns bei­spiels­wei­se als Klas­se inhalt­lich auf die Wald­ju­gend­spie­le vor­be­rei­ten. Aber ansons­ten ver­zich­te ich auf Rah­men­the­men. Was ich unter „anbie­ten” mei­ne, sind aktu­ell jetzt im 4. Schul­jahr so The­men im klei­nen Kreis, wie z.B. die schrift­li­chen Rechen­ver­fah­ren, gram­ma­ti­ka­li­sche Übun­gen, Rechtschreib„dinge”, mathe­ma­ti­sche Sach­the­men (Satz des Pytha­go­ras, Tha­les etc. neu­lich ange­bo­ten von „unse­rem” FSJ­ler), Stro­m­an­ge­bo­te, Was­ser etc.

      Für das drit­te Schul­jahr nahm ich mir vor, mich wie­der mehr ein­zu­brin­gen, noch mehr Inhal­te anzu­bie­ten. Dann kamen im 3. Schul­jahr aber lei­der auch die Klas­sen­ar­bei­ten hin­zu, wes­halb ich man­che Inhal­te ver­pflich­tend für alle machen muss­te, z.B. Gram­ma­tik. Ein läs­ti­ges The­ma, aber wir kom­men um die immer noch zu vie­len ver­pflich­ten­den Klas­sen­ar­bei­ten hier lei­der nicht drum her­um. Als wenn ein Leh­rer nicht auch so wüss­te, „wo” ein Kind steht, wo Ent­wick­lungs­po­ten­zi­al besteht. Aber wir brau­chen die Noten, um bes­ser aus­se­lek­tie­ren zu kön­nen. Aber das ist ein ande­res The­ma…

      Das Kon­zept Peschels ist in einer staat­li­chen Schu­le mei­ner Mei­nung und Erfah­rung nach umsetz­bar, wenn es dir gelingt, a) einen Weg zu fin­den, die ver­bind­li­chen Klas­sen­ar­bei­ten in Deutsch und Mathe­ma­tik zu umge­hen, b) eine sehr brei­te Eltern­schaft zu tref­fen, die dich in dei­ner Arbeit unter­stützt und c) eine Schul­lei­tung zu haben, die dir bei dei­ner Arbeit zumin­dest kei­ne Stei­ne in den Weg stellt. Peschel hat u.a. an der GS Har­mo­nie gear­bei­tet. Da waren a) und c) bereits Rea­li­tät. Bei b) stieß er auch auf Wider­stän­de. Da er aber nur einer unter vie­len Leh­re­rIn­nen an der GS Har­mo­nie war, die alle päd­ago­gisch ähn­lich dach­ten, konn­te er mit den Wider­stän­den natür­lich viel bes­ser umge­hen, als wenn er allei­ne an einer Schu­le… Zu sei­ner Zeit also war b) noch nicht stim­mig, da es damals noch die fes­ten Schul­be­zir­ke gab, die in NRW heu­te auf­ge­löst sind. Heu­te aber ist auch b) in der GS Har­mo­nie posi­tiv. Es kom­men nur noch die Eltern an die Schu­le, die den lang­fris­ti­gen Wert der Selbst­ver­ant­wor­tung und Selbst­stän­dig­keit ken­nen, ihn selbst erfah­ren haben und auch für das Ler­nen zu schät­zen wis­sen. Eltern, die damit nichts anfan­gen kön­nen, mel­den ihr Kind dort nicht an. Und das ist für alle Betei­lig­ten, Eltern, Leh­rer und Kind ja auch das Bes­te.

      Zusam­men­fas­send:
      Ich ver­zich­te zwar auf Unter­richts­ein­hei­ten, aber ich ver­zich­te nicht auf mich, wenn du so willst. 😉 Was hält mich davon ab, mich gänz­lich zurück zu zie­hen und gar nicht mehr zu unter­rich­ten? Ich, die Rah­men­be­din­gun­gen und man­che Eltern. Ich will nicht über­wie­gend nur teil­neh­men­der Beob­ach­ter und „Mode­ra­tor” sein, wie ich es bei Peschel her­aus­las, son­dern mich auch mehr ein­brin­gen. Hier­bei hal­te ich aber den Weg am sinn­volls­ten, Kin­dern etwas anzu­bie­ten: „Ich bie­te von 10.00 bis 10.30 Uhr einen Kreis zum The­ma XYZ an. Wer möch­te da mit­ma­chen?” Zuge­ge­ben: Ich nen­ne auch regel­mä­ßig noch Kin­der, die ich in den Kreis dazu bit­te. Mög­lich wäre auch: Ein­fach was an die Tafel, auf Papier etc. zeich­nen, schrei­ben, malen… Es dau­ert nicht lan­ge bis die ers­ten Kin­der kom­men und mit­ar­bei­ten wer­den! 😉

      Viel­leicht noch eines: Dass ich als Leh­rer etwas anbie­te, steht Peschels Modell im Grun­de nicht ent­ge­gen. Ich habe damals aber für mich aus sei­ner Dok­tor­ar­beit her­aus­ge­le­sen, dass die Selbst­re­gu­lie­rung der über­ge­ord­ne­te Pro­zess im Klas­sen­raum sein sol­le, der durch den Leh­rer im Hin­ter­grund beglei­tet wür­de. Heu­te den­ke ich, habe ich es damals über­in­ter­pre­tiert. Auch wir Leh­rer dür­fen, kön­nen und sol­len uns mit unse­rer Per­sön­lich­keit und mit eige­nen Inhal­ten ins Klas­sen­ge­sche­hen ein­brin­gen.

      Gruß
      Marek

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